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Hoffnung nach vorne

Neue Held*innen und alte Geschlechterklischees: Medienpädagogin Maja Götz plädiert für mehr Widerstand gegen Schönheitswahn und Zwang zur Selbstoptimierung.

„Kinder wachsen mit einer unglaublichen Vielzahl an Medien auf“, sagte Maja Götz zu Beginn ihres Vortrags in der Reihe Wertvolle Kinder, der diesmal bei Russmedia über die Bühne ging. Tablett, iPad, Laptop, Smartphone, PlayStation gehören längst zu jedem Haushalt, das Ganze meist in mehrfacher Ausführung, dazu käme oft noch der klassische Fernseher und PC. Maja Götz ist Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin. Als Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk konnte die Expertin in ihrem Vortrag auf einen enormen Fundus an Daten zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen zurückgreifen.

Elterliche Unterstützung gefragt

Es sei wesentlich, Kinder bei der Mediennutzung zu begleiten und unterstützen. Dazu müssten Eltern erst einmal ihren eigenen Medienkonsum bewusst wahrnehmen, betonte Götz. Denn von Geburt an würden Kinder ihre Eltern verstrickt in die Nutzung digitaler Medien erleben. Entscheidend seien vor allem klare Regeln. Eltern müssten genau festlegen, auf welchem Fernsehkanal was geschaut werden darf, später die Nutzung von iPad und Internet zeitlich klar begrenzen und sich genau überlegen, wann der Nachwuchs das erste Handy bekommt.

Klare Regeln erleichtern Selbstkontrolle

„Je klarer die Regeln am Anfang sind, desto positiver wirkt sich dies auf die Medienkompetenz der Kinder aus, desto weniger treten später Abhängigkeitseffekte auf“, so die Medienforscherin. Anders ausgedrückt falle es den Kinder dadurch leichter, ihren Medienkonsum selbst zu begrenzen, d. h. das Handy wegzulegen statt in der virtuellen Welt zu versinken, nicht vor dem Fernseher zu „verhängen“, sondern Sendungen gezielt auszuwählen. Auch was die WA-Kommunikation anbelange, bräuchten Kinder dringend elterliche Unterstützung. Kritisch beurteilt die Medienexpertin die Tatsache, dass viele Kinder bereits in der dritten Klasse Volksschule über ein Smartphone mit Internetzugang verfügen. „WhatsApp ist beispielsweise erst ab 16 Jahren erlaubt, damit sind die Eltern verantwortlich und auch klagbar.“

Neue Medienheld*innen

Maja Götz ging im Vortrag auch auf die Bedeutung von medialen Vorbildern und Medienheld*innen ein. „Oft spiegeln mediale Lieblingsfiguren unsere eigenen Stärken“, erklärte Götz. „Sie sind Identifikationsfiguren für unsere Wünsche und Werte. Welches die Heldinnen unserer Kindheit sind, sagt viel über uns selbst“, so die Expertin. „Kinder suchen sich jene Figuren, die ihnen Hoffnung nach vorne geben.“ In der Rangliste der beliebtesten Fernseh- und Serienfiguren rangieren bei den sechs- bis 13-jährigen Jungs SpongeBob, Angelo, Bart Simpson oder auch der autistische, wenig freundliche, aber geniale Sheldon Cooper ganz oben, Heidi Klum, Bibi Blocksberg oder Sally Bollywood sind es bei den Mädchen. Dass sich 53 Prozent der 16-jährigen Mädchen, die Germanys Next Top Model anschauen, auch gleich Heidi Klum zur Mutter wünschen, sage viel darüber aus, welche Attribute die Heldinnen von heute erfüllen müssten. Während Mädchen vor allem schön, aber auch sonst perfekt sein und auf allen Gebieten (Beruf, Elternrolle, Fitness etc.) punkten müssten, würde es bei den Jungs reichen, wenn sie eine Sache gut können.

Vor allem schön

Im Social-Media-Bereich gehe es bei vielen der erfolgreichen Influencer*innen rein um Aussehen, Schönheit und Konsum, um durch Werbung finanzierte Selbstinszenierung. Es sei ein „total schräges Bild, mit dem unsere Kinder aufwachsen“, denn was als „echt“ und „natürlich“ dargestellt wird, ist das Ergebnis harter Arbeit, von Optimierungs- und Filter-Apps. „Etwa 20 Anläufe braucht es in der Regel, damit das Bild perfekt ist, also schön und natürlich“, sagt ein Mädchen, das Instagram für ihre Selbstdarstellung nutzt. Vor allem muss das Foto normierten Vorgaben in punkto Pose, Mimik und Gestik entsprechen. „Ausgestelltes Bein, Blick über die Schulter, Hand im Haar . . . Alle inszenieren sich auf die gleiche Weise“, erklärte Götz vor einem sehr jungen Publikum. Über Filter- und Optimierungs-Apps sei es inzwischen kinderleicht, sich die Haut ebenmäßiger, die Zähne heller, die Taille schmaler und die Beine länger zu zaubern und damit auch ohne Photoshop-Kenntnisse das Bild entsprechend der medial propagierten Schönheitsklischees zurechtzuzimmern. Auch der obligatorische Six-Pack und mehr Muskeln beim jungen männlichen Geschlecht sind kein Problem, um dem alten, neuen Ideal vom aktiven, starken Mann zu entsprechen.

Worum geht’s?

Um Anerkennung und – so seltsam es klingt – Individualität. Vom ersten Selfie und lustigen Video sei es nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Selfie-Queen, die für möglichst viele Likes und Kommentare fast alles tut – fürs „perfekte“ Bild, das aussieht wie alle anderen. Im Web und auch sonst regt sich allerdings auch Widerstand. So hinterfragt die 19-jährige Poetrie-Slammerin Lidia die stereotypen Geschlechterrollen: „Mädchen sind immer schön geschminkt, tragen High Heels und haben lange Haare? Zur Hölle mit all den Klischees . . . Kann nicht jede*r so sein, wie er Bock drauf hat? Ihr Credo: „Perfekt unperfekt die eigene Marionette sein.“ Auch Julia, ebenfalls Poetry Slammerin, wundert sich: „Warum tut man sich das an, in einer Welt, in der man ICH sein kann?“

Räume abseits vom Likometer

Dennoch: Für Mädchen sei es eine ständige Anforderung, dem Sog und Like-Marathon zu widerstehen und gängige Schönheitsnormen über Bord zu werfen. Der Blick aufs „Likometer“, also die Like-Statistik der beliebten Influencer*innen, spricht für sich: 5,8 Millionen Abonnenten hat Bianca Claßen mit ihrem YouTube-Kanal BibisBeautyPalace. Ihr Instagram-Account weist immerhin knapp 7,3 Millionen Follower auf – großteils dürfte es sich wohl um Followerinnen der 26-jährigen deutschen Webvideoproduzentin handeln. Maja Götz plädiert dafür, Räume für Mädchen jenseits der Schönheitsnorm zu schaffen, abseits der Dominanz des Aussehens und der ständigen Selbstoptimierung. Bei den Jungen sei es wichtig, verschiedenste Männlichkeitsbilder zuzulassen, Kommunikationskompetenzen und Selbstausdruck zu fördern.

Fehler machen erlaubt

Mut zum Widerstand sei gefragt und mehr Fehler machen sollte erlaubt sein in einer „sehr fehlerfeindlichen Kultur“. Und was heißt dies nun für Eltern und Erziehende? Zuhören, verstehen und anerkennen, laute die Devise. „Sich zeigen lassen, was die Kids machen, herausfinden, welche Bedürfnisse hinter der digitalen Mediennutzung stehen, und nicht vergessen: In dieser schnelllebigen Medienwelt sind zuerst einmal unsere Kinder die Expert*innen“, meint Götz.

Echt – das neue Cool?

Okay, ich nehme die Medienpädagogin beim Wort und schaue meiner bald 13-jährigen Tochter über die Schulter. Auf dem Küchentisch liegt zufällig die neue Bravo, die einen Artikel mit der Überschrift  „Echt ist das neue Cool“ über Shawn Mendes bringt, den meine Tochter mag, ebenso wie den Schlabberlook von Billie Eilish und die Tänze von Charli D’Amelio auf TikTok. Die würden sie im Turnunterricht auch alle gemeinsam in der Schule tanzen. Irgendwie scheint die PR der Plattform zu funktionieren: „Unsere Mission besteht darin, die Kreativität, das Wissen und wichtige Momente des Alltagslebens aufzunehmen und zu teilen. Die Plattform ist ein Zuhause für kreative Videos, die für authentische, inspirierende und lustige Erfahrungen sorgen.“

Anerkennung und Respekt

Keine Frage, es bleibt anspruchsvoll, gemeinsam mit unseren Kindern durch die digital transformierte neue Welt zu navigieren. Letztlich geht es dabei laut Maja Götz immer darum, die Grundbedürfnisse unserer Kinder nach Anerkennung, Resonanz, Autonomie, Sicherheit und Respekt wahrzunehmen und unseren Töchtern und Söhnen zu vermitteln: So wie du bist, ist es wunderbar. Ganz echt – wie wahr!

Der Vortrag fand in Kooperation mit DORN Arbeitsbühnen statt.

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